Globale PFAS Regulierung
und ihre Bedeutung für Fluorpolymere außerhalb der EU
Die Regulierung von PFAS – den sogenannten „Forever Chemicals“ – gehört weltweit zu den dynamischsten und komplexesten umweltpolitischen Entwicklungen der letzten Jahre.
Während die Europäische Union mit ihrem umfassenden PFAS‑Restriktionsvorschlag im Zentrum der Debatte steht, ziehen viele weitere Länder nach. Das Resultat ist ein globales Regulierungsmosaik, das zahlreiche Märkte und Branchen beeinflusst.
Auch wenn Fluorpolymere bislang außerhalb der EU noch nicht direkt verboten sind, geraten sie über flankierende Regelungen, Vorproduktverbote, Summengrenzwerte und klassenbasierte PFAS‑Definitionen zunehmend unter Druck
PFAS als Klasse im Fokus
Die PFAS‑Diskussion hat eine globale Dimension erreicht. Staaten wie die USA, Kanada, Australien, Japan, Südkorea, Neuseeland, China und die Schweiz treiben Regulierungen voran. Diese beginnen meist bei toxikologisch auffälligen, nicht‑polymeren PFAS, entwickeln sich jedoch in Richtung umfassenderer, klassenbasierter Ansätze.
USA
In den USA ist die Dynamik besonders ausgeprägt. Die bundesweiten TSCA‑Berichtspflichten (Section 8(a)(7)) verpflichten Hersteller und Importeure, umfangreiche PFAS‑Informationen offenzulegen – auch für Fluorpolymer‑Vorlaufstoffe. Zusätzlich regeln SNUR‑Regeln bestimmte langkettige Fluorcarboxylate LCPFAC, die als Ausgangsstoffe in der Fluorpolymer Chemie genutzt werden.
Auf Ebene der US Bundesstaaten gehen viele Vorschriften über das Bundesrecht hinaus. Oft definieren sie PFAS sehr weit gefasst, sodass sogar Fluorpolymere eingeschlossen werden könnten. TOF Schwellen (Total Organic Fluorine) von 50–100 ppm erzwingen in bestimmten Produkten praktisch PFAS Freiheit. Die Heterogenität der Regeln führt dazu, dass ein Produkt, das in einem Bundesstaat legal ist, im nächsten bereits verboten sein kann.
Kanada
Kanada bewegt sich in Richtung einer klassenweiten PFAS-Regulierung. Die verpflichtende Section 71 Befragung im Rahmen von CEPA zeigt, dass PFAS zunehmend, als Stoffgruppe betrachtet werden und eine Harmonisierung mit EU ähnlichen Ansätzen angestrebt wird. Auch Ausgangssubstanz Chemikalien geraten in den Fokus. Bisher sind aber die Fluorpolymere ausgenommen.
Schärfere Verbote in Asien-Pazifik: Japan, Südkorea, Australien
Die APAC Region hat sich zu einem Hotspot der PFAS Regulierung entwickelt:
Japan
Japan hat 2025 ein striktes CSCL Verbot für 138 PFAS Substanzen eingeführt. Herstellung, Import, Verwendung und Import PFAS haltiger Produkte sind für diese Stoffe untersagt. 2026 folgt eine Erweiterung um 117 PFHxS bezogene Substanzen. Fluorpolymere bleiben zwar erlaubt, der Handlungsspielraum wird jedoch durch Beschränkungen relevanter Vorprodukte und Importverbote bestimmter PFAS haltiger Produktkategorien (z. B. Textilien mit fluorierten Ausrüstungen) eingeschränkt.
Südkorea
Südkorea aktualisiert im Rahmen von K REACH und POPs Regimen seine PFAS Listen und beschränkt PFOS, PFOA und PFHxS, wobei Ausnahmen nur bis Juni 2026 gelten. Für Fluorpolymer Produzenten bedeutet dies strengere Berichtspflichten und mögliche Einschränkungen bei Ausgangssubstanzen.
Australien
Australien hat 2025 eines der strengsten PFAS Verbote weltweit eingeführt: PFOS, PFOA und PFHxS (inkl. Salze und Präkursoren) sind unter dem IChEMS Regime vollständig verboten – sowohl in Chemikalien als auch in Artikeln, sofern PFAS „intentional“ eingesetzt wurden. Fluorpolymere sind weiterhin zugelassen, jedoch dürfen fluorbasierte Additive, Beschichtungen oder Prozesshilfsmittel nicht mehr eingesetzt werden. Es gelten strenge Dokumentationspflichten, um unbeabsichtigte Verunreinigungen nachzuweisen.
Strenge Verbraucherschutzregeln: Neuseeland und Singapur
Neuseeland
Neuseeland hat eines der weltweit strengsten PFAS Verbote im Kosmetiksektor beschlossen: Ab Ende 2026 ist der Import und die Herstellung PFAS haltiger Kosmetika verboten, ab Ende 2027 auch der Verkauf, und bis Mitte 2028 ist die vollständige Entsorgung vorgeschrieben. Damit sind Fluorpolymer Partikel wie PTFE Mikropulver in Kosmetika faktisch ausgeschlossen.
Singapur
Singapur kontrolliert PFAS insbesondere über Anwendungsregeln für Feuerlöschschäume. Ab Januar 2026 gelten strenge Schwellenwerte für bestimmte PFAS. Zusätzlich werden LC PFCAs ab August 2025 als Gefahrstoffe reguliert, was für viele Fluorpolymer Synthesen relevant ist. Auch hier geraten Fluorpolymer Hersteller über die Stoffvorstufen zunehmend in die Pflicht.
China und die Schweiz: Technischer Druck über Umweltstandards
China
China hat in Sichuan erstmals sehr strenge Abwassergrenzwerte für PFOS und PFOA eingeführt. Parallel arbeitet das Umweltministerium an nationalen POPs Listen, die Langketten PFCAs umfassen sollen. Dies betrifft die Fluorpolymer Produktion direkt in der Prozessführung und indirekt bei der Verfügbarkeit von Ausgangssubstanzen.
Schweiz
Die Schweiz plant ab Dezember 2026 besonders strenge Grenzwerte für PFAS in Lebensmittelkontaktmaterialien und Einwegartikeln (25 ppb Einzel PFAS, 250 ppb Summe nicht polymerer PFAS, 50 ppm Total PFAS inkl. polymerer PFAS). Dieses Total Limit ist besonders relevant, da es polymere PFAS formal einschließt und z. B. fluorpolymerhaltige Schichten in Verpackungen einschränken kann.
Vereinigtes Königreich und Brasilien: Weichenstellung für künftige Verbote
Vereinigtes Königreich
Der PFAS Plan von 2026 lässt erwarten, dass das Vereinigte Königreich seine PFAS Beschränkungen künftig stärker an die EU angleichen wird, einschließlich möglicher klassenbasierter Regelungen im Rahmen von UK REACH. Noch gibt es keine direkten Fluorpolymer Verbote, aber sektorbezogene Maßnahmen sind angekündigt.
Brasilien
In Brasilien wird eine nationale PFAS Kontrollpolitik diskutiert, die Grenzwerte, Berichtspflichten und einen Phase out vorsieht. Die Diskussion ist politisch, deutet aber klar auf klassenweite PFAS Regelungen hin.
Was bedeutet das nun für Fluorpolymere?
Keine direkten Verbote – aber wachsende indirekte Einschränkungen
Fluorpolymere wie PTFE, PVDF, ETFE, FKM oder FFKM sind weiterhin weltweit zugelassen. Die eigentliche Gefahr entsteht jedoch durch:
- Ausgangssubstanz Verbote (z. B. Japan, Australien, Korea),
- Total PFAS Grenzen in Artikeln (Schweiz, einzelne US Bundesstaaten),
- Produktkategorien Verbote (Kosmetik in Neuseeland),
- Emission-/Abwasserlimits (China, Australien, Singapur),
- Dokumentationspflichten und Reporting (USA, Kanada).
Diese indirekten Wege führen dazu, dass Fluorpolymer Produkte zunehmend deklarationspflichtig, restriktiver reguliert oder in bestimmten Anwendungen kaum noch vermarktbar werden.
Durch die Regulierung der Vorprodukte entstehen Risiken wie eingeschränkte Rohstoffverfügbarkeit, höhere Compliance Kosten, mögliche Requalifizierung von Produkten, zusätzliche Analytik (z. B. TOF, LC MS/MS) und verschärfte Anforderungen für High Purity Anwendungen (Halbleiter, Pharma, Food).
Mehrere Länder (u. a. Kanada, UK, Brasilien, einzelne US Bundesstaaten) erwägen klassenweite PFAS Regelungen. Falls sich diese an der OECD Definition orientieren, könnten perspektivisch auch Fluorpolymere in den Fokus geraten.
Die globale PFAS Regulierung entwickelt sich schnell und ist von großer Heterogenität geprägt. Fluorpolymere stehen derzeit außerhalb der EU nicht direkt auf den Verbotslisten, doch der Trend ist eindeutig: Staaten verschärfen ihre Politik, erweitern Definitionen und schließen regulatorische Lücken. Unternehmen sollten jetzt ihre PFAS Risiken in der gesamten Lieferkette verstehen, Ausgangssubstanz-Risiken analysieren, Material- und Prozessalternativen prüfen und sich auf eine Zukunft vorbereiten, in der PFAS Nachweis, Dokumentation und Substitution zum Standard werden.
Die Entwicklungen zeigen klar: Auch wenn Fluorpolymere heute noch eingesetzt werden können, verändert sich ihr regulatorisches Umfeld schnell und grundlegend. Unternehmen, die frühzeitig reagieren, sichern sich nicht nur Compliance, sondern auch Marktzugang und Wettbewerbsvorteile in einer sich neu ordnenden Welt der Fluorchemie.
Deshalb ist es ein Muss über die kommende Anhörungsphase im Regulierungsverfahren der EU auf den Regulierungsprozess von Anwenderseite her Einfluss zu nehmen.
Weitere Infos
Für Mitglieder des VDMA gab es am 21.01.2026 eine Informationsveranstaltung zur anstehenden Konsultationsmöglichkeit.
Die Inhalte der Präsentationen sind für VDMA-Mitglieder unter folgendem Link verfügbar.
https://www.vdma.eu/de/viewer/-/v2article/render/161357203
Hinweis:
Die in diesem Artikel bereitgestellten Informationen basieren ausschließlich auf öffentlich zugänglichen Quellen. Trotz sorgfältiger Recherche können zwischenzeitliche Änderungen oder Aktualisierungen durch die genannten Institutionen der einzelnen Regionen erfolgen, sodass sämtliche Angaben ohne Gewähr und vorbehaltlich künftiger Anpassungen erfolgen.
Die Inhalte dieses Artikels dienen ausschließlich der allgemeinen Information und stellen keine rechtsverbindliche oder individuelle Beratung dar. Maßgeblich sind ausschließlich die jeweils aktuellen Veröffentlichungen und Vorgaben auf den offiziellen Webseiten der zuständigen Agenturen der einzelnen Länder.
Stellen Sie jetzt Ihre Fragen an unseren Experten:
» Stefan Keck, Produktmanager Dichtungsplatten bei KLINGER Germany
» Tel: +49 6126 4016 35 Email: stefan.keck@klinger.de